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4. Wiesbaden-Marathon am 28.06.2025


Wettkampf im Brutkasten

Beseelt vom Finish in großer Hitze nach dem Start in der Mittagszeit und einer überraschend schönen Innenstadt, die mir bis dato völlig unbekannt war, kehre ich 2022 von der ersten Ausgabe des Marathons in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden nach Hause zurück. Kein Wunder, daß ich ein Jahr später mit Gattin und einem Lauffreund wiederkehre, zumal die Starts in die Abendstunden verlegt worden waren. Auch im dritten Jahr wäre ich wieder gestartet, hätte ich nicht anderem dem Vorzug geben müssen. Doch schwärme ich dem Lauftreff dermaßen einen vor, daß wir in diesem Jahr zu neunt dieser schönen Veranstaltung die Ehre erweisen.
 

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Einen kleinen Dämpfer bekommt meine Begeisterung, als uns die Veranstalter, die Deutsche Sporthilfe, über die Verlegung des Veranstaltungszentrums vom durchaus mondänen Bowling Green auf den Schloßplatz unterrichten. Aber egal, dann wird die Strecke sicherlich etwas zu verändern sein, was aber kaum ins Gewicht fallen dürfte. Nicht schlecht staunen wir, daß das Ende der Startnummernausgabe auf 16:00 Uhr und damit dreieinviertel Stunden vor den Start festgelegt ist. Um jedes Risiko auszuschließen, sind wir daher bereits gegen 15 Uhr vor Ort und erfreuen uns erst einmal am gleichermaßen freundlichen wie kostenfreien Angebot des Hauptsponsors zu Kaffee und kleinen Zimtschnecken in einer gemütlichen Lounge, durch ein Zeltdach gut gegen die brennende Sonne geschützt. Der Ausblick vom Sofa auf die repräsentative neogotische, backsteinerne evangelische Marktkirche hat etwas. Unsere Startunterlagen haben wir zu der frühen Zeit ruckzuck erhalten, so auch die diesmal lindgrünen Shirts, die bei den Marathonstartern im Nenngeld inkludiert sind. Für alle anderen ist es für sehr zivile 12 € zu erwerben gewesen. Toiletten sind nicht erst danach dringend nötig, nach Dixis halten mehrere Bedürftige zunächst vergeblich Ausschau. Allerdings stehen gut platzierte Toilettenwagen bereit, für deren Nutzung man die Hand aufhält. Die restliche Zeit, bevor es ernst wird, vertreiben wir uns in einem gemütlichen Restaurant in der Nähe und unternehmen einen Spaziergang zum ehemaligen Veranstaltungszentrum.
 

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Unser Tobias Zöller begleitet heute als Führungsläufer den stark sehbehinderten Sieger der Erstausgabe, Tien-Fung Yap, und gibt vor, heute nur einen lockeren Trainingslauf absolvieren zu wollen. Weitere fünf Mitglieder unseres Lauftreffs beabsichtigen den Halben zu absolvieren, darunter unsere Tochter Vicky,  weshalb der Erziehungsberechtigte (das Kind ist 35 und zweifache Mutter) vom Marathon heruntermeldet. Denn selbstverständlich setzt man eine hilflose Person nicht unbekannten Gefahren aus, sondern bleibt an seiner Seite. Auch drei 10 km-Läuferinnen, darunter eine Euch wohlbekannte Person, nehmen eine Runde in Angriff. In der Startaufstellung werden wir vom U23er Marcus angesprochen, der sich bei seinem ebenfalls ersten Halbmarathon gerne dem (geplanten) Sechs-Minuten-pro-km-Express (oder auch Bimmelbähnchen, ganz wie Ihr wollt) anschließt. Unsere Zielzeit ist also eine 2:07 Std., wie Ihr messerscharf errechnet habt. Beim Marathon gibt’s übrigens lt. Ausschreibung keine Zug- und Bremsläufer, dafür aber beim Halben für 1:45, 2:00 und 2:15 Std. Los geht’s! Ich bin gespannt, wie alle mit den immer noch rund dreißig Grad zurechtkommen werden.
 

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In die andere Richtung als bisher starten wir auf der breiten Wilhelmstraße, die aber für fast zweitausend Starter über vier bzw. zwei Runden mehr als gut ausgelastet ist. Trotzdem benötigen wir für den ersten km nur wenig mehr als unseren geplanten Schnitt. Zu meinem großen Bedauern entfällt die kurze Umrundung des exakt am Startbogen und gegenüber des Bowling Green liegenden Denkmals für unseren 99-Tage-Kaiser Friedrich III., die in unserer jetzigen Konstellation aber vorhersehbar zu einer völligen Verstopfung geführt hätte. Trotzdem ist der Verlust schade. Dafür geht’s aber direkt ins Eingemachte, will heißen auf die erste lange Steigung hinauf zur Spitze des Nerobergs. Auf der sehr breiten Taunusstraße verteilt sich dann das Feld doch ziemlich flott, sodaß wir spätestens bei der Straßenteilung nach links recht frei laufen können. Linkerhand nehme zumindest ich erfreut zahlreiche hübsche Villen der Schönen, Reichen und ganz schön Reichen wahr, zur rechten liegt mit den Nerotalanlagen ein attraktiver Park. Schneller als mir in Erinnerung geblieben ist, erreichen Vicky und ich mit der Bergstation der Nerobergbahn den ersten Scheitelpunkt. Die verbindet als historische Standseilbahn seit 1888, 438 m lang und 83 HM überwindend, den Gipfel mit dem Nerotal. Auf der anderen Seite des Parks galoppieren wir wir wieder herunter. Nicht nur hier stehen dankbar registrierte Anwohner, die uns aus Gartenschläuchen willkommene Abkühlung anbieten, sogar eine Gartenparty mit lauter Musikunterstützung ist im Gange. Erneut nehmen wir in jetzt entgegengesetzter Richtung die Taunusstraße, auf der uns erstaunte bis ungläubige Blicke der Gaststättenbesucher begleiten.

Der erste VP, heute ganz besonders willkommen, erfrischt uns rechtzeitig vor dem zweiten größeren Aufstieg. Der verläuft in einer langgezogenen Linkskurve oberhalb des Kurparks über die Sonnenberger Straße. Die Strecke ist insgesamt durchgängig asphaltiert, der Grip also gut und das Bergauf daher – zielgerichtetes Training vorausgesetzt – kein Problem. Pro Runde wirft Strava knappe 90 Höhenmeter aus. Am Scheitelpunkt durchqueren wir den Park kurz auf einer Straße, um uns danach auf der Gegenseite wieder bergab zu begeben. Die 5 km-Marke passieren wir in knapp dreißig Minuten, liegen also voll im Plan. Am unteren Ende des Kurparks angekommen, schwenken wir durch ein altes, schmiedeeisernes Tor in den Kurpark ein und umrunden einen hübschen Teich, darin eine Wasserfontäne und das Kurhaus im Hintergrund, zum Genießen! Die Konzertmuschel ist wieder leer, der von einem Mehrfachtäter angeregte Wunsch nach Füllung mit einer Metal-Band bleibt leider unerhört. Im Begegnungsverkehr verlassen wir diesen netten Ort wieder. Nicht minder attraktiv sind das Staatstheater und das Bowling Green mit seinen zwei Brunnen, das diesmal leider nicht das Ende der ersten Runde und den späteren Zieleinlauf darstellt.
 

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Zurück auf der Wilhelmstraße in Richtung Schloßplatz bemerke ich plötzlich Vickys Fehlen, die bereits etwas nachhängt, für den erfahrenen Begleiter der klare Hinweis, daß das Zeitziel anzupassen sein wird. Zum Marktplatz wird dann, wieder gemeinsam, rechts abgebogen. An dessen Ende ein klares Bild mittels zweier großer Schilder: Zieleinlauf nach rechts, alles andere nach links. Doch diese eigentlich klaren Hinweise werden für mehrere hundert Teilnehmer der Läufe ab 10 km noch zu einer Überraschung führen. Eine große Runde drehen wir über gut erhaltene, zuschauergesäumte Einkaufsstraßen, um an deren Ende wieder auf die Wilhelmstraße und damit das Ende der ersten Runde zu kommen. Bis dahin hatten wir, je nach persönlichem Erhaltungszustand, die Chance, u.a. den hessischen Landtag und weitere attraktive, ältere Gebäude zu bestaunen. Trotz des ersten Durchhängers liegen wir bei km zehn noch knapp unter einer Stunde.
 

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Die zweite Runde entspricht exakt der ersten. Marcus habe ich nach neun km nach vorne geschickt, als klar war, daß wir für ihn zu langsam sein würden. Er wird am Ende fünf Minuten vor uns im Ziel sein. Schwierig wird die Wasserversorgung, als ein Hydrant ausfällt, was zu Wartezeiten an mehreren Stellen führt. Die Helfer ackern für uns wie die Berserker. Wir schaffen, mit leicht gebremstem Schaum, den Neroberg, als mir die deutliche Diskrepanz zwischen der ausgewiesenen Strecke und der von meiner Uhr ermittelten auffällt. Hatte ich nach dem ersten km 120 m zu viel auf dem Tacho, fehlt plötzlich ein kompletter km. Erst behalte ich das für mich, aber am angezeigten km 18 bestätigt mir eine Mitläuferin, daß wir wirklich erst den 17. km hinter uns gebracht haben. Das bekommt mein Kind leider mit und seine Motivation einen entscheidenden Knick. Bist Du auf Kante genäht, kann eine solche Information schon demotivierend sein. Trotzdem hält sie sich tapfer und bleibt zumindest beim Traben. Irgendwann stimmen die km-Angaben wieder halbwegs, es ist aber abzusehen, daß es keine kompletten 21,1 km werden dürften, kein Drama. Dann passiert es leider doch.
 

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Wir nähern uns erneut der Abzweigung „Zieleinlauf nach rechts, der Rest nach links“. Alles vor uns läuft komischerweise nach links. Auch wir werden trotz Nachfrage („Auch Halbmarathon nach zwei Runden?“) nach links geleitet. Das erscheint mir zwar unlogisch, aber gerade wegen Vicky will ich kein DSQ oder DNF riskieren und folge brav. Man hört die Zielmoderation deutlich, bewegt sich aber wieder von ihr weg. Nicht wenige 10 km-Läufer tun es uns gleich, wie wir später erfahren werden. Der Psyche meines Nachwuchses ist das natürlich nicht unbedingt zuträglich. „Mein Gott!“ stöhnt eine der uns begleitenden Läuferinnen aus tiefstem Herzen, als sie erkennt, daß wir einen Fehler gemacht haben. „Ja, was kann ich für Dich tun?“, fragt ein mitlaufender Reporter in gespielter Ernsthaftigkeit. Der gewünschte, befreiende Effekt tritt ein und viele sind am Lachen. Nicht so mein Kind, das auf dem Zahnfleisch geht. Irgendwann haben wir dann doch die zwei zusätzlichen km der Extrarunde absolviert, als wir beim dritten Mal an der Streckenteilung nach rechts abbiegen und zur Beruhigung unserer Fans, die uns schon schmerzlich vermissen, endlich im Ziel sind. 2:21 Std. war nicht gerade die Zeit, die wir uns vorgenommen hatten, aber wenn man etwa 13 Minuten des finalen Dahinschlurfens ggü. der tatsächlichen Strecke (etwa 500 m zu kurz beim Halben) abzieht, sieht es doch noch ganz ordentlich aus. Vicky trägt stolz die hart erarbeitete Medaille, die ich von den beiden ersten Ausgaben schon kenne.

Die offizielle, inkludierte Zielverpflegung müssen wir etwas suchen, denn die ist hinter den Verkaufsständen platziert. Leider gibt es das kostenlose Finisherbier ausschließlich für Marathonläufer. Und das dürfen unser Tobi und Tien-Fung als Erste genießen, denn sie entscheiden die Königsdistanz zum Stolz unseres Lauftreffleiters, der das zufriedene Grinsen selbst beim Schreiben noch im Gesicht hat, nach 2:54 Std. überlegen für sich. Bei der Kleiderbeutelabgabe ist ein Duschcontainer aufgestellt, der für viele eine Wohltat darstellt, genauso wie die an der Kirche lehnenden Dixis, die wir vor dem Start dann auf den letzten Drücker doch noch gefunden hatten.

Die große Hitze, gepaart mit der Fehlleitung unmittelbar vorm Ziel führte bedauerlicherweise zu weit überproportional vielen Ausfällen, gerade beim Halbmarathon. Selbst Laufveranstalter, weiß ich um die Wichtigkeit nur scheinbar unwichtiger Funktionen, wie z.B. Streckenposten. Im Vergleich mit den ersten beiden Ausgaben, die ich beurteilen kann, hat mir das Bowling Green als Veranstaltungszentrum besser gefallen. Vielleicht gibt’s ja zum kleinen Jubiläum, der fünften Ausgabe, eine neue Medaille? An ortstypischen Motiven mangelt es der hessischen Landeshauptstadt wirklich nicht. Und wenn man mir auch als Halbmarathoner ein kühles Bier im Ziel verspricht, komme ich gerne wieder hierher.


Streckenbeschreibung:
Sehr attraktive, offiziell 10,55 km (tatsächlich etwa 10,3 km) lange Stadtrunde mit hohem Grünanteil und zwei Steigungen mit insgesamt knappen 90 HM.

Startgebühr:
Je nach Anmeldezeitpunkt 58 bis 75 € für den Marathon, 34 bis 47 € für den Halben.

Veranstaltungen:
Marathon und Halbmarathon, 10 und 5 km sowie 3 km-Kinderlauf.

Leistungen/Auszeichnung:
Medaille, Urkunde, kostenloser Fotodienst, Shirt (12 €) beim Marathon inkludiert.

Logistik:
Alles nah beeinander am Schloßplatz, Dixis und die Zielverpflegung nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Verpflegung:
4 VP (einer davon doppelt anzulaufen) mit allem Notwendigen.

Zuschauer:
Gutes, aber weiter ausbaufähiges Interesse.