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43. Rhein/Ruhr-Marathon Duisburg am 10.05.2026
Über Rhein und Ruhr
In den Ohren hatte man mir von mehreren Seiten schon lange gelegen: Du mußt mal in Duisburg mit seiner halben Million Einwohner laufen! Nun hat die Gegend der fünfzehntgroßen deutschen Stadt, zumindest was zu mir vorgedrungen ist, nicht den allerbesten Ruf, weshalb ich bisher stets andere Läufe im Mai und früher im Juni bevorzugt habe. Klar, ich erinnere mich an den tollen Lauf um den Baldeneysee im benachbarten Essen, der mich seinerzeit landschaftlich sehr positiv überrascht hatte, aber Klick hatte es bisher nicht gemacht. Wenn Du allerdings in einem Jahr etliche weite Fahrten unternimmst, um den grundsätzlich monatlichen Marathon abzuspulen, ist man auch nicht abgeneigt, mal umme Ecke unterwegs zu sein. Nur gute anderthalb Stunden Anfahrt, da bin ich doch schnell angemeldet.
Leider bieten sie keinen Zehner an, weshalb ich die Muttertagsmutter zu ihrer großen Begeisterung alleine zuhause und die Kinder und Enkel die Betreuung übernehmen lasse, was auch mit Bravour geschieht. Start ist um 8:30 Uhr. Hmmm, morgens sehr früh fahren und noch sehr viel früher aufstehen? Die Begeisterung der Gattin weiter steigernd, buche ich mir für den Vorabend eine Unterkunft.
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So kann ich in aller Gemütsruhe den Ort des Geschehens, das modernisierte und attraktive (Wedau-)Stadion des MSV Duisburg anfahren, um die praemarathonalen Dinge zu erledigen. Es gibt eine kleine Messe und vor allem auch eine (kostenpflichtige) Pastaparty, die ich gerne in Anspruch nehme. Ruckzuck ist alles erledigt, inkl. ein paar Minuten auf den guten Sesseln der Haupttribüne im VIP-Bereich mit Blick auf den heiligen Rasen.
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Dann Sedanstraße 1 ins Navi eingegeben und ab zur rund 20 Minuten entfernten Unterkunft. Doch, oh weh, wo bin ich hier gelandet? Ich befinde mich unvermittelt in einem Stadtteil, wo heute das Leben auf der Straße stattfindet, aber ausschließlich von Menschen bevölkert ist, die ich eher im (mir bekannten und bereisten) Ostanatolien verortet hätte. Nein, hier kann es kein Gasthaus zur Linde geben, und nachdem ich genau selbiges und nicht die Adresse ins Navi eingegeben habe (es gibt in Duisburg wohl drei Sedanstraßen), bin ich richtig und fühle mich wieder in Deutschland zuhause. Ein schönes, altes deutsches Lokal mit superfreundlicher Gastgeberin, gutem Essen und großem Zimmer in einer ruhigen Sackgasse bietet die perfekte Vorbereitung auf den nächsten Tag. Einziges Manko: Frühstück gibt es erst ab 8 Uhr und damit wesentlich zu spät, weshalb es mal Riegel, Bananen und Wasser tun müssen.
Sämtliche Straßensperrungen umgehend erreiche ich über die A40 und A59 unkompliziert den Ort des Geschehens. Parkplatz unmittelbar vorm Stadion. Herz, was willst Du mehr? Eine vernünftige Toilette, die es natürlich gibt. Nach Jahren freue ich mich, mal wieder Frank Schmiade, die Moengel, wiederzutreffen. Auch Christian Mai ist dabei und Frank Schölzchen, der mit mir in Antalya war, bereitet sich nicht nur hier auf den Hunderter in Biel vor. Leider verzögert sich der Start um eine Viertelstunde, da die Polizei die Strecke noch nicht freigegeben hat. Dann aber geht’s, unmittelbar neben dem Stadion in der Kruppstraße, los, exakt eine Minute später überschreite ich die Zeitmessung. Die erste von insgesamt elf Sambabands macht uns Beine, schnell kann ich frei laufen. Die Pacer für 4 und 4:15 Stunden überholen mich bald, den 4:30er möchte ich heute nicht an mir vorbeiziehen lassen. Folglich sollte ich nicht viel mehr als sechs Minuten für den km benötigen.
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Bald schon überschreiten wir, vorbei am Hauptbahnhof, die Bahngleise. Bisher bietet die Strecke, deren Verlauf mit etwas Phantasie an den Umriß Afrikas erinnert, wenig fürs Auge und daher kaum Berichtenswertes. Mit dem Innenhafen sehen wir das erste Gewässer für heute, dem noch weitere folgen werden. Duisburg verfügt übrigens über den weltweit größten Binnenhafen. Schauen wir mal, wie lange das bei der aus sattsam bekannten Gründen rasant zunehmenden Deindustrialisierung noch der Fall sein wird. Eine Weile folgen wir dem Gewässer, dann nehmen wir eine Brücke über die A59, über die ich heute morgen angefahren bin. Ein Augenschmaus ist das 1912 erbaute klassizistische Theater, das den Krieg offenbar unbeschädigt überstanden hat. An der Streckenteilung des Halb- vom Vollmarathon steht nicht zum ersten Mal der inzwischen 85jährige (!) Michel Descombes, der, herzlich lächelnd, als verkleideter (echter) Franzose mit seinem Klapprad an zahlreichen Punkten stehen und uns damit erfreuen wird, viele kennen ihn. Es folgen einige nett aussehende Fassaden, bevor bei der erneuten Überquerung des Innenhafens wirklich etwas fürs Auge geboten wird. Die modernen Bürogebäude mit vorgelagertem Yachthafen und dem großen Speichergebäude im Hintergrund bilden wirkliche Hingucker.
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Die Versorgungspunkte sind zahlreich und sinnvoll bestückt, heißt: Anfangs nur Wasser, später auch Iso, Cola, Bananen, Traubenzucker und vielleicht noch mehr, was mir dann nicht aufgefallen ist. Die Verwendung von Pappbechern ist sehr sinnvoll, allerdings wird deren Entsorgung sehr unterschiedlich gehandhabt: Entweder gibt es mehrere Mülleimer (gut), Tore zum Hineinzielen (kann man machen) oder sie bleiben einfach auf der Straße liegen und müssen aufwendig zusammengekehrt werden (nix gutt). Ein weiteres optisches Glanzlicht ist die Schwanentorbrücke als eine von drei Hubbrücken der Stadt. An den vier Türmen kann die Fahrbahn von den normalen 5,5 auf 20 m angehoben werden.
Patsch, patsch, patsch! Ich laufe auf einen Kollegen auf, der unüberhörbar auf Carbonschuhen unterwegs ist. Was soll der Unsinn? Ich verstehe ja, wenn jemand, vollkommen austrainiert (wer ist das schon?) zu versuchen beschließt, die allerletzten zwei, drei Minuten herauszuquetschen. Aber in meiner Preisklasse? In Schuhen dieser Preisklasse? Völlig bescheuert. Er wird nicht der Einzige in meinem Leistungsbereich bleiben. Wirklich schön, zumindest ich empfinde das so, ist das Laufen unter Alleen, überhaupt an Grünem vorbei, was wir, für mich überraschend, erfreulicherweise häufig tun. Und wieder ist Wasser unter uns, diesmal der Rhein-Herne-Kanal, an dessen Gestaden Michael Scheele den mittlerweile berühmten Rhein-Herne-Kanal-Marathon auf einer wirklich sehr attraktiven 7 km-Runde im Bereich Oberhausen/Bochum ausrichtet. Schön ist es, hier Christian Mai zu treffen, der mich einige km begleiten wird, die damit zu den heute kurzweiligsten werden. Ich freue mich schon auf seinen wie immer launigen Bericht.
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An einer gewaltigen Industrieanlage kommen wir vorbei, auch am Duisburger Freihafen. Und wieder frage ich mich (eigentlich weiß ich es ja), wohin unser so hervorragend geführtes Land hinsteuert. Wir hingegen steuern nicht in den Abgrund, sondern auf eine Rheinbrücke zu, auf der mich Michel, einem Batman gleich, mit wehendem roten Umhang und einem platten Vorderreifen überholt. Die Halbzeit ist nach 2:09 Std. erreicht und das Gelingen meines Vorhabens kommt langsam näher. Wer kennt die Aktion 60 Marathons in 60 Minuten? Bei der muß man innerhalb einer selbstgewählten Stunde jede Minute einen Marathon beendet haben (also z.B. in 4:15, 4:16, 4:17 und so weiter). Eine 4:21 fehlt mir noch. Blöd wie ich bin hätte ich die in Linz schon laufen können, war aber mit einer vermeintlich benötigten 4:23 unterwegs. Jetzt also ein neuer Anlauf. Bescheuerte Aktion, Du hast völlig recht. Aber wer von uns regelmäßig Marathonlaufenden ist das nicht?
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Das Grün ist uns weiter hold, wir laufen erst auf einem Deich, dann durch einen grünen Tunnel aus Hecken, Sträuchern und Bäumen, bevor wir in nette Wohnstraßen kommen. Viele Einheimische sitzen bei bestem Wetter gemütlich im Freien, feuern uns an, feiern selber und nicht wenige haben private Verpflegungsstationen aufgebaut, was man nun wirklich nicht alle Tage erlebt. Sogar kühles Bier wird angeboten, was ich aber (jetzt unverständlicherweise) ausschlage, so richtig gut fühle ich mich nicht. Irgendwie ist es anstrengender als bei den letzten Läufen. Aber das wißt Ihr ja selber, nicht jeder Lauf ist gleich und eine Begründung muß es dafür auch nicht geben. Der Löschzug Rheinhausen-Hochemmerich betreibt, wie viele andere Vereine bzw. Organisationen auch, eine Verpflegungsstelle und löscht bei dem einen oder anderen die erhitzte Haut oder auch das Mütchen mit Wasser aus Sprühschläuchen. Wieder kommen wir über den Rhein, diesmal ist es die Brücke der Solidarität 1988, zumindest steht es auf ihr geschrieben. Mit einer Stützweite von 266 m gilt sie als deutschlandweit längste Stabbogenbrücke. Ihren Namen trägt sie seit dem monatelangen Widerstand von Arbeitern in der Stahlkrise. Heute leisten wir uns eine weise Führung, die meint, man könne Stahlwerke zuverlässig und konkurrenzfähig mit Flatterstrom aus Windmühlen betreiben.
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Über eine lange, breite Straße nähern wir uns wieder der Stadt, Straßenbahnschienen zur Linken. Doch geht es zunächst wieder durch ruhige Wohngebiete, d.h., wo man ruhig und nett wohnen kann. Doch ist es manchmal durch die Feiernden ganz schön laut! Schön ist auch die richtige Bezeichnung dafür, denn es hilft einem wirklich über die Strecke. Eine Unterführung zwingt einige zum Gehen, auch muß schon einmal ein Krampf herausgedrückt werden. Einigen ist es bereits deutlich anzusehen, daß sie den Lauf deutlich zu optimistisch angegangen sind und jetzt die Quittung dafür erhalten. Selbst bei meinem bescheidenen, aber sehr gleichmäßigen Tempo sammele ich jede Menge Mitleidende ein. Wobei sich mein Leid in Grenzen hält, aber anstrengend ist es schon, vor allem im Kopf. Denn Rechnen ist gar nicht so einfach, wenn das Hirn blutleer ist. Aber ich habe ja Zeit und irgendwann stellt sich doch immer wieder heraus, daß die Geschwindigkeit für mein Vorhaben plus 2-3 Minuten Sicherheit noch paßt.
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Ein oranges Trikot mit einem darin steckenden langen Menschen kommt mir sehr bekannt vor, natürlich ist er es. Der mittlerweile in der M75 laufende ehemalige Schreiberlingskollege Werner Kerkenbusch hat mittlerweile den ganz langen Strecken entsagt, ist aber noch bis zur Halbmarathondistanz, so auch heute, erfolgreich unterwegs. Nicht nur ihm erkläre ich auf Nachfrage, warum ich nicht mehr für M4Y schreibe, man vermißt das bekannte Trikot an meinem Astralkörper. Dumm gelaufen. Ein Feuerwehrkamerad bestreitet die 21,1 km mit Atemschutzausrüstung, ihm gilt mein ganzer Respekt, entsprechend wird er auch von der Umgebung beklatscht. Breite, lange Straßen charakterisieren den weiteren Verlauf, nichts für mental und/oder körperlich Schwache. Immer wieder rechne ich hoch, wie viel nachzulassen ich mir erlauben kann, es beginnt mir langsam zu reichen. Aber ich will auch dranbleiben, vielleicht packe ich das ja zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr.
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Es wird langsam absehbar, Michel steht ein letztes Mal zum Anfeuern an einem Werbebogen. „Heute ein König!“, wie passend. Eine wiederum wunderbare Allee bringt mich dann an bekannte Stätte, wo der MSV wohl leider den Aufstieg in die 2. Liga verpassen wird. Für ein Spiel gegen meinen FCK würde ich durchaus noch einmal wiederkehren. Eine Minute bin ich noch zu schnell und gehe ein paar Schritte, um die Uhr weiterlaufen zu lassen. „Komm, Du packst das, lauf' nochmal an!“ Himmel, wie peinlich ist das, die wissen ja nichts über mein seltsames Vorhaben. Also trabe ich weiter und die Fans sind zufrieden. Ganz langsam schleiche ich durch die Discotunnel („Endspurt“), ich tue das Gegenteil von dem, bleibe sogar ein paar Sekunden stehen. Etliche Zuschauer befinden sich noch im Stadion, die gute Stimmung verbreiten, die auch ich habe, als ich nach 4:21:03 Std. als Zweiter meiner Altersklasse M65 die Ziellinie überschreite. 894 Herren und 249 Damen werden es mir über die 42,2 km gleichtun. Puh, endlich vorbei!
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Ich wackele in den Innenraum, also auf den Rasen, aber keine Medaille oder Verpflegung weit und breit. Dafür muß ich das Stadion auf einen Vorplatz verlassen, auf dem es das Begehrte inkl. eines leckeren Bierchens (sicherlich hätte ich auch mehr davon haben können) gibt. Eine mega lange Schlange hat sich vor der Ausgabe der (heute also den Namen verdienenden) Finishershirts gebildet. So unmittelbar nach einem langen Lauf ist Stehen nicht so toll. Nach etwas zehn Minuten halte ich es dann in den Händen und da ich nicht weiß, wann die mir bekannten Gesichter einlaufen werden und ich auch keine Lust mehr habe, in den Innenraum zurückzugehen, schleiche ich zum Auto. Dort sehe ich noch Christian auf den letzten Metern vorm Stadion, aber der ist so im Tunnel, daß er mein Geschrei überhört. Oder meine Schwäche hat sich auch aufs Sprachzentrum ausgewirkt und ich bin einfach zu leise. Gar nicht leise war hingegen Joey Kelly mit seiner „Weltrekord“-Truppe: 42 km mit 42 Begleitern aus 42 Nationen reichte für einen Eintrag ins berühmte Buch. Schön war's!
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Streckenbeschreibung: Weitestgehend flache Runde mit insgesamt (selbstgemessenen) 76 Höhenmetern.
Startgebühr: Je nach Anmeldezeitpunkt 65 bis 95 € für den Marathon.
Weitere Veranstaltungen: Staffelmarathon, Halbmarathon und Kinderläufe.
Leistungen/Auszeichnung: Finishershirt, Medaille, Urkunde.
Logistik: Alles perfekt unmittelbar im Stadion des MSV Duisburg, ausreichend Parkplätze.
Verpflegung: Häufig und sinnvoll bestückt.
Zuschauer: Unterwegs immer wieder einige kleine Fangruppen, an Start und Ziel gutes Interesse.
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