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36. Marrakesch-Marathon am 25.01.2026

Jalah, Jalah!

Was will man machen, wenn einem die kalte, häufig nasse Witterung wie jedes Jahr auf den Senkel geht und man am Boden des Sparstrumpfs noch ein paar nicht verplante Euronen findet? Richtig: Man prüft den Laufkalender und wird auf unserem Nachbarkontinent fündig. In Marokko war ich noch nicht gewesen, daher fällt die Wahl des Januar-Marathons auf den in Marrakesch. Vom Hunsrück-Flughafen „Frankfurt“ Hahn bringt eine irische nicht-mehr-ganz-so-billig-Fluglinie meinen Lauftreffkumpel Eugen und mich in die Millionenstadt am Hohen Atlasgebirge. „Perle des Südens“ wird sie auch genannt, insofern paßt es, daß wir aus Waldbreitbach, der Perle des Wiedtals, angereist sind. Nach guten dreieinhalb Stunden Flug sind wir einigermaßen platt und froh, einchecken zu können. Für uns ungewohnt gastfreundlich ist der Empfang durch Abdellah, den Eigentümer, in seinem sehr schönen, landestypischen Riad (Gasthaus, Hotel) Atrium & Spa in der Medina (Altstadt), wo man uns mit Tee und einem Snack bewirtet. Abdellah hat nach einem zweijährigen Deutsch-Studium in Heidelberg zwei Stadthäuser saniert und miteinander verbunden. Ein Rooftop-Restaurant in einem der Souks (Markt, Basar) bringt uns die erste Portion Couscous mit Minztee, typisch marokkanisches Essen, nahe, dem wir uns begeistert hingeben.

Leider ist es aber auch hier ungemütlich kühl und naß, weshalb wir uns erst am Nachmittag des Samstags ins Freie trauen und den Weg zur Startnummernausgabe auf dem Platz vor der im Jahre des Heils 1158 eingeweihten Koutoubia-Moschee einschlagen.
 

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Deren Minarett ist das Wahrzeichen nicht nur der Stadt, sondern des ganzen Landes, wie man uns stolz erzählt. Die kleine Messe im Freien ist überschaubar, insbesondere angesichts stolzer rund 15.000 Anmeldungen. Nachdem wir im dritten Versuch endlich regenbeschirmt in der richtigen Schlange stehen, haben wir schließlich unsere Startnummern inkl. eines hübschen Angebershirts (80 € Startgebühr) in den Händen und können uns dem touristischen Fußprogramm widmen.

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Zu nachtschlafender Zeit noch im Finsteren wanken wir am Sonntag in Richtung Startgelände, das fußläufig problemlos zu erreichen ist, insbesondere ausgeruht auf dem Hinweg. Dixiklos gibt es rund um den streng abgesperrten Startkanal jede Menge, aber auch reichlich Büsche. Eine Kleiderbeutelabgabe können wir nicht entdecken, Kleidung (3 Grad am Start, 15 in der Mittagszeit) wird einfach über die Gitter geworfen, wo sie eingesammelt und gleich auf der Wiese zum Verkauf angeboten wird. Für uns genügt auf unserem viertelstündigen Anmarsch eine Ganzkörperpelle, um den frischen 5° Paroli zu bieten. Verpflegungstechnisch erwarten wir erfahrungsgemäß Wasser in kleinen Flaschen und Mandarinen alle 5 Kilometer (es wird aber mehr geben). Gels oder Riegel bereits von zuhause mitzunehmen schadet keinesfalls, denn die gibt es hier nicht zu kaufen.
 

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Zwar liegen beide bereits vorgestellten Perlen, also sowohl die an der Wied als auch die in Marokko, in der gleichen Zeitzone, doch wird es hier wesentlich später hell und auch wieder dunkel. So kommt es, daß unser Start der Marathoner um 7:45 Uhr in noch vollständiger Dunkelheit erfolgen wird. Allez und Allah! Et jäht loss. Kurz nach dem Start wird in die Pracht-Avenue Mohamed VI abgebogen, die nach dem aktuellen Herrschern benannt ist. Dann biegen wir links in die Avenue Hassan II ein. Der seinerzeitige, namengebende Herrscher durfte am 16. November 1955 aus seinem Exil auf Madagaskar nach Marokko zurückkehren. Ein Blick über die rechte Schulter zeigt den Stolz der Marrakchis, das Theatre Royal, einen gelben Bau mit Kuppeln und Säulen.
 

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Schnell liegen die ersten zehn km hinter mir, die Plastikpelle kann ich entsorgen, sobald mich die ersten wärmenden Sonnenstrahlen erreichen. Ja, wir haben leider ungewöhnlich kalte Tage erwischt, aber immerhin regnet es heute nicht und Wolken sind erfreulicherweise auch Mangelware. Die palmengesäumte, breite Straße ist nett und sehr gut zu belaufen. Links ist der Kongresspalast, rechts die Staatsoper und das Theater. Ab dem wohl saubersten Bahnhof der Welt beginnt die große Runde. Marrakesch liegt 600-700 Meter hoch, man sollte also keine Spitzenzeit erwarten, auch wenn die Strecke mit 136 ermittelten Höhenmeter wirklich flach ist. Wer nur mit Wasser auskommt, der ist auf diesem Kurs im Vorteil. Zweimal teilt man sich ihn vorübergehend mit den Halbmarathonläufern.
 

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Wir Marathonläufer biegen nun den Garten Menara ein. Der besteht eigentlich nur aus einem riesigen, dichten Olivenhain und dem großen Wasserbecken in der Mitte. Für die Marokkaner ist dieser Garten mit prickelnden Erinnerungen verbunden, denn hier kann man ungesehen auch mal Händchen halten. An Wochenenden legen die Einheimischen Decken über den Lehmboden und spannen Bettlaken als Sichtschutz zwischen die Olivenbäume, um Picknick zu machen.
Die Straßen, auf denen wir uns bald wieder befinden, sind an diesem Sonntag weitestgehend komplett gesperrt, man läuft auf zwei Fahrbahnen und wird nicht von Abgasen belästigt. Es geht ab etwa der Hälfte entlang der Stadtmauer, vor der Fußball gespielt wird. 22 Tore hat die Stadtmauer; nicht Fußball-, sondern Eingangstore (Babs). Nach jedem Berberstamm ist eines  als Eintritt in die Medina benannt. Leider ist das Thema Straße ein eher trauriges, denn um nicht drum herum zu reden: Die Strecke ist alles andere als aufregend. Hatte sie vor Jahren dem Vernehmen nach noch etliche Highlights aufzuweisen, stand bei der Neukonzeption wohl der Wunsch nach einer bestzeitentauglichen Runde im Vordergrund. Kurzum: Es ist mal wieder vor allem Selbstmotivation angesagt. Eine gewisse Exotik ist natürlich durch mediterrane Gewächse und ebensolche Menschen gegeben, das war's dann aber auch.
 

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Eine zumindest für mich gewisse Exotik versprüht auch der deutsche Kollege auf seinem zweiten Marathon, der uns treuherzig erzählt, daß er sich heute morgen durch Haschisch gedopt hat und daher unsicher ob des Ausgangs dieses Rennens ist. Zumindest ist er angekommen, wie ich der Ergebnisliste später werde entnehmen können. Der Lauf auf breiten, für den Autoverkehr gesperrten Straßen setzt sich fort, die dichte, geschlossenen und hohe Bebauung auf beiden Seiten hält häufig die noch tiefstehende Sonne davon ab, uns entscheidend zu wärmen. Immer wieder sehen wir verbliebene Werbung für die gerade beendete Afrikameisterschaft im Fußball, deren Endspiel die Marokkaner unter skandalösen Umständen erst verloren hatten, den Sieg aber später am grünen Tisch zuerkannt bekamen.
 

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Und die einsame Lauferei in wenig attraktiver Umgebung setzt sich fort. Klar, die Strecke ist schnell, der Touri möchte aber doch lieber etwas fürs Auge haben. Nicht nur fürs Auge ist die ordentliche Verpflegung, von der ich mich im Wesentlichen wie immer ans Flüssige halte. Ein Straßentunnel unterbricht den öden Kurs und zwingt an seinem Ende den einen oder anderen zum Wandern, natürlich nicht uns berggestählte Westerwälder. Dann erreichen wir wieder die Stadtmauer, mit der es auch an der Strecke, zumindest an den Babs, wieder etwas lebendiger wird. Ein nicht gehfähiger Mann wird von einer netten Truppe in einer Art Rennrollstuhl geschoben, für ihn gewiß ein tolles Erlebnis, für die Schieber anstrengend. Einige Musikanten in traditionellen Gewändern und einheimischen Instrumenten sind optische wie akustische Glanzlichter. Ein angeleinter Ziegenbock mit Startnummer provoziert einen herzlichen Lacher.
 

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Die Streckenteilung zwischen uns Voll- und den Halbdistanzlern beschert uns kurz vorm Ende noch einen kurzen Begegnungsverkehr mit Wendepunkt, bevor eine ganze Reihe Werbebögen das nahende Ende verkünden. Nah am Ende bin ich zwar nicht gerade, aber doch einigermaßen platt und mit den erzielten 4:21 Std. recht zufrieden. Kurz nach mir ist dann auch Eugen eingelaufen und gemeinsam, deutlich weniger dynamisch als heute Morgen, humpeln wir in unser Riad Atrium & Spa zurück, in dem die bei unserem Gastgeber, Abdellah, bestellte Belohnung in Form eines ganz privaten Hammams innerhalb des Hauses auf uns wartet. Eine extra engagierte Frau seift, schrubbt und spült uns nach allen Regeln der Kunst ab. Unser Stöhnen ist dabei aber eher weniger der Lust als dem Schmerz geschuldet, denn ihr klarer Befehl „Umdrehen!“ bereitet gerade kein Vergnügen.
 

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Was dem Lauf über weite Strecken fehlt, nämlich optische Reize, holen wir am Folgetag in Form einer privat organisierten, von Abdellah vermittelten und sehr nett moderierten Ganztagstour im von Abdul sicher gefahrenen Kleinbus nach. Die führt uns über den von André Heller gestalteten, sehr schön gepflegten Anima-Garten ins attraktive Atlasgebirge, wo wir u.a. eine kurze, geführte Wanderung zum sehr schönen Ourika-Wasserfall und ein leckeres, spätes Mittagessen im Haus einer Berberfamilie genießen. Mit vielen positiven Eindrücken versehen kehren wir am Mittwoch nach Hause zurück. Und die Moral von der Geschicht'? Nur wegen des Marathons anzureisen, lohnt den Aufwand nicht. Wenigstens drei zusätzliche Tage sollte man sich gönnen, denn inner- und außerhalb der Stadt gibt es viel zu entdecken. Unser Riad empfehlen wir wärmstens weiter.
 

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