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7. Wiedtal-UltraTrail in Waldbreitbach am 06.04.2019


Wenn am Häubchen die Sterne tanzen

Eine halbe Stunde vor dem Start sind die meisten schon da. Denn sie wissen: Josef steht an der Sporthalle bereits mit Kaffee parat und loswerden kann man den auch schon. Rund die Hälfte der letztlich knapp 60 Starter sind Wiederholungstäter, drei davon bereits zum sechsten Mal, und die plaudern wohl im Vorfeld. Nach ein paar Eingangsinformationen geht es pünktlich um halb acht Uhr los.

Hinter der Wiedbrücke wartet der erste kleine Trail, der uns am Hausener Kloster vorbeiführt. Im Dorf geht es gleich kernig zur Sache, schon sind wir auf einem Wiesenweg, der uns einen wunderbaren Blick zurück aufs Wiedtal gönnen würde, wenn es nicht so diesig wäre. Also weiter bergan, kalt ist keinem mehr. Nach 3,5 km sind die ersten rund 300 HM abgearbeitet. Von der ehemaligen Skihütte am ebenfalls ehemaligen Skihang („Skipiste immergrün“) hat man normalerweise den ultimativen Blick, aber auch die Dunstglocke über Waldbreitbach & Co. hat etwas.

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Ein paar Meter weiter lockt der Blick in den Malbergsee, der sich im tief ausgebeuteten Basaltberg gebildet hat. Im Sommer ist das ein natürlich verbotenes, gerade  deshalb aber heißgeliebtes Badevergnügen. Das, was heute ein Loch ist, liegt übrigens zu großen Teilen als Hindenburgdamm in der Nordsee und verbindet Sylt mit dem Festland. Den bei den Stürmen der vergangenen Wochen umgefallenen Baum auf dem Wurzelweg, den ich vorletzte Woche noch umkurven mußte, ist weggeräumt, fast ein wenig schade. Jetzt gilt es, auf relativ breiter Wald“autobahn“ km zu machen. Nach etwa km 6 biegen wir nach links über die Wolfsschlucht in Richtung Tal ab, um durch einen teilweise wie verwunschen wirkenden, urwüchsigen Wald fast alle erarbeiteten HM wieder zu verlieren.
 

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Es hat sich nichts geändert: Der Sinn des Bergablaufens liegt darin, grundsätzlich wieder direkt bergauf zu traben. 65 km sind's insgesamt, die wir uns vorgenommen haben, und die sind mit 2.100 HM gespickt. Für mich ist das ein dickes Brett, aber für Holger, der schon zweimal beim UTMB um den Mont Blanc gerannt ist (letztes Jahr 40 Stunden bei strömendem Regen), bedeutet das hier und heute nicht mehr als eine lockere Trainingseinheit. Trotzdem ist auch er bereits zum sechsten Mal hier, also können wir es so ganz falsch wohl nicht machen. Im Tal schockt einige ein querfließender Bach, erst im allerletzten Augenblick offenbart sich der nach rechts abbiegende Weg. Der führt, oh Überraschung, wieder 300 HM nach oben.

Oben gibt’s etwas Heimatkunde, denn an der Wüstung Rockenfeld erfahren die Neuen die Herkunft der US-Öldynastie Rockefeller. Die Antwort war bei Günther Jauch mal 125.000 € wert. Warum dafür Zeit ist? Das ist natürlich heute (wie immer) ein Gruppenlauf ohne Zeitnahme, der Weg ist das Ziel. Die schöne Gegend bei angenehmen Gesprächen mit netten Menschen zu genießen, das macht unseren WUT aus. Vor Rockenfeld geht es lange, lange bergab, und auf dem Wanderparkplatz von Datzeroth steht nach 16 km Josef mit seinem Verpflegungsteam Jochen und Hans-Hermann, meine Elke macht den Chauffeurdienst für Spätein- oder Frühaussteiger. Guter Service zählt eben! Mein neuer Lauftreffler, der bald 67jährige Jürgen, der vor wenigen Wochen mit Ach und Krach seinen ersten Zwanziger gemeistert hat, ist Feuer und Flamme und will weiterlaufen.  Nach zehn Minuten Völlerei bläst der Sklaventreiber gnadenlos zum Wiederaufbruch.
 

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Einen Hammeraufstieg auf geilem Singletrail gilt es auf der gegenüberliegenden Seite zu bewältigen, der einmalige Blick auf unseren ehemaligen, jetzt verwaisten VP entschädigt für die Mühen. Natürlich sind wir die Steigung, wie fast alle anderen auch, gegangen. Nur so ist es möglich, daß alle zusammenbleiben, wenn die Hinteren sich sputen und die Schnellen Geduld aufbringen. Jeweils mindestens ein Mitglied unseres Lauftreffs paßt auf, daß niemand verlorengeht. Ich liebe die große Wiese, die sich jetzt anschließt, und uns über Wolfenacker zum im Volksmund Oswald-Kolle-Platz nahe Kurtscheid bringt. Die Älteren werden sich an den Namen des damaligen Sex-Aufklärers der Nation erinnern. Spektakulär ist hier weniger daß, sondern wer mit wem! Zum wiederholten Mal steht auch an diesem Ort ein ungenannter Fotograf, der, mit dickem Teleobjektiv bewaffnet, schöne Fotos schießt. Genant werden möchte er nicht, schon gar nicht mit seinem Spitznamen, was ich natürlich streng respektiere. Wer möchte schon lesen, daß man ihn gerne nach einem jüngst verstorbenen Modezaren, allerdings für die weniger betuchte Fraktion, bezeichnet. Wäre ja schon peinlich.

Wieder führt ein toller Trail auf halber Höhe zur Neuerburg aus dem 13. Jahrhundert, von der noch ein restaurierter Teil steht, und die im Sommer privat bewohnt wird. Die Amis hatten ihr nochmal schwer zugesetzt, als sie 1945 durchs Wiedtal tobten („Die Brücke von Remagen“). Weiter bergab geht’s über den Kelterhof erstmals ins Fockenbachtal, wo an einer kleinen Kapelle wieder eine Geschichtsstunde ansteht. Hier betrieben die Eltern von Margaretha Flesch einst eine armselige Ölmühle. Die noch selige und wohl bald heilige Margaretha hat sich als Ordensgründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen unsterblich gemacht, riesige Verdienste erworben, und ihr Erbe ist heute einer der größten privaten Krankenhausträger Deutschlands. Hinauf über den Ackerhof kommen wir auf den x-ten tollen Aussichtspunkt und bewundern gleichermaßen Neuerburg und Kelterhof, diesmal von oben.
 

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Ist es nur eine Frage des Alters, wenn einem beim Blick über so viel landschaftliche Schönheit warm ums Herz wird? Unser lieber Karnevalsfreund Michael Stüber hat das Lied „Stääne“ (also Sterne) der Gruppe Klüngelköpp auf die hiesigen Verhältnisse umgedichtet und dabei einige unserer heutigen Höhepunkte integriert. Versucht Euch mal an Kölschen Tönen!

Wenn am Häubche - die Stääne danze,
die Neuerburg – im Mondlicht strahlt,
ja dann weis ich - dat ich deheim bin,
jo deheim bin – an de Baach (hier ist die Wied gemeint).

Wenn am Häubche - die Stääne danze,
die Morjensonn‘ – o‘m Malberg stäht,
ja dann weis ich - dat ich deheim bin,
jo deheim bin – an de Baach.

Un wenn ich weg mohss – von Baach un Hüh,
dann bliew mei Hätz – für immer he,
für Dich läw ich – an Dir kläw ich,
bis zom Schluss – bliewen ich bei Dir.

Nach zwei weiteren km haben wir das Kloster erreicht, gute 27 km sind geschafft, einige auch. Tapfer dabei ist und bleibt dabei Jürgen, der sich mal eben so von flachen 20 km auf deren 27,5 mit tausend HM gesteigert hat. Essen, trinken, Pipi, weiter. Nach 30 km sind wir an den historischen drei Weihern der Deutschherren, die lange das Land beherrschten, und, quer durchs Waldbreitbacher Oberdorf, befinden wir uns bald wieder auf schmalem Weg im Wald. Als dann jeder am Judenfriedhof, mitten im Forst, die traurige Geschichte eines kleinen Teils der früheren Bevölkerung erfahren hat, geht es wieder hoch, runter, und dann über den Hochscheider Seifen richtig hoch. Au Backe, heftig. Dafür ein erneuter Hammerblick am Bärenkopp auf Waldbreitbach. Aber nicht zu lange, viel Weg liegt noch vor uns. Durch Verscheid biegen wir in Richtung Heldenseifen ab. Auf dem Weg sind einige umgestürzte Bäume zu überwinden, letztlich kein Problem. Ganz unten steht die Fockenbachmühle, ab der Andre und mich am letzten Sonntag ein riesiger Ziegenbock fast fünf km im kürzestem Abstand verfolgt hat. Die Eigentümer hatten danach Spaß, ihn wieder einzufangen. Heute ist er hinter einem Elektrozaun auf Nummer Sicher.
 

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Hollig ist unser nächstes Zwischenziel, durch den Wald zieht sich die Gruppe doch stärker als gewollt auseinander, ein paar schwächeln schon merklich. Nun, vorgewarnt hatten wir, jeder sollte aktuell in der Lage sein, einen flachen Marathon im Sechserschnitt laufen zu können. Gruppenlauf, 65 km, das packen wir schon, dachten alle, aber einigen wenigen werden die vielen Höhenmeter doch vorzeitig zum Verhängnis. Am Ortsausgang von Hochscheid sind wir wieder im Wald und nach 41,5 km am dritten VP beim Sportplatz Nassen angelangt. Zum zweiten Mal bereits sind die gekochten Kartoffeln mit Salz der Renner, auch das frische Brot mit Käse geht hervorragend. Neben den vielen übrigen Sachen. Negative Kalorienbilanz? Na ja...

Jürgen läßt sich nicht abschütteln. 700 m weiter gibt’s die obligatorische, von den WUT-Erfahrenen lautstark eingeforderte Ultrataufe, bei der allen die La Ola gemacht wird, die zum ersten Mal weiter als 42,2 km gelaufen sind. Mirko, der Ultraläufer, macht sich ein Späßchen, schiebt sich auf dem Foto vor Jürgen und läßt auch sich feiern. „Jürgen, Du hörst jetzt auf!“ Nö.
 

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Im steten Wechsel von Auf und Ab erreichen wir Breitscheid, das wir nach zwei Straßen hinter uns lassen und wieder Kurs aufs Wiedtal nehmen. Zwischen uns liegt allerdings noch mit dem Roßbacher Häubchen eine markante Höhe und als solche im doppelten Sinn einer der Höhepunkte der Tour. Auf den steilen Basaltkegel quälen sich, zum Teil am Stahlseil festhaltend, nicht mehr alle Teilnehmer. Zumindest die neuen jage ich aber hinauf, denn der weite Blick über Roßbach und das Wiedtal ist grandios. In der Ferne kann man sogar die Skihütte am Malberg ausmachen, die wir nach dreieinhalb km erreicht hatten.

Nun haben wir eine sehr lange, moderate Bergab- und natürlich wieder Bergaufphase vor uns, nach denen wir hinter der Neschermühle meinen Lieblingstrail erreichen. Schmaler geht’s nicht, steinig ist er, ich liebe ihn. Von mir aus könnte er mehrere km lang sein. Überraschend ist für viele Teilnehmer der letzte km der vierten Etappe, denn der ist komplett neu. Geile Serpentinen ersetzen normalen Waldweg, tief unter uns liegt die Wied. Aufpassen, daß man nicht abstürzt! Dann sind 53 km geschafft, letzter VP, wieder das volle Programm. Hanne kannte den Abschnitt nicht. „Wolfgang, warum bist Du da lang?“ Ganz einfach, weil's schön ist. Das überzeugt, alle lachen. Nochmal tief Luft holen, die alten Hasen wissen, was jetzt droht. Auch Jürgen, der selbst hier nicht aufhören will. Ich schüttele nur noch den Kopf.
 

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Die km 54 und 55 sind die definitiv heftigsten des gesamten Kurses und ziehen so manchem den Zahn. Diretissima 300 HM hoch und das auf kaum 1,5 km, so mancher staunt und wird sehr, sehr langsam. Und staunt über die wirklich Fitten, die hier noch in der Lage sind, ein Ausscheidungsrennen bergauf auszutragen. Beneidenswert! Hoch über Reifert ist Sammeln angesagt, denn die Truppe hat sich sehr weit auseinandergezogen. Reifert auf schönem Wiesenweg umrundend, stürzen wir ins Wallbachtal. Ein letztes Mal ganz unten, geht’s logischerweise auch ein letztes Mal wieder ganz nach oben. Schloß Walburg ist ein schöner Hingucker, der anschließende lange Singletrail nicht minder, der uns letztlich hoch über Waldbreitbach wieder ans Tageslicht bringt. Noch fünf km, im Tal ist das Ziel, die Sporthalle, auszumachen. „Schaut mal!“, sage ich noch gerade, schaue eben nicht vor die Füße und lege mich formvollendet auf die Fr... Nichts passiert, Glück gehabt.
 

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Ein flotter (zumindest für einige) Downhill bringt uns wieder, diesmal endgültig, nach unten. Ein vorletztes Sammeln, dann stehen die letzten anderthalb km, das meiste davon durch Fratzehölzchen, an. Dieser Trail bringt die jetzt wirklich allerletzten Höhenmeter, dann stehen wir vor der finalen Wiedbrücke, die uns gemeinsam unter dem Applaus einiger uns empfangender Lauftreffler zum Ziel bringen. Puh, das war wieder anstrengend! Für mich auf jeden Fall, aber geschafft ist geschafft. Auch Jürgen, der erst mal abbaut und die Füße hochlegen muß.

Geduscht und wieder besser riechend schleppen wir uns nach der heißen Dusche mehr oder weniger humpelnd ins Hotel zur Post, wo das obligatorische Pastabuffet der Vernichtung harrt. Wie sagten einige so nett? „Das einzig Unangenehme beim WUT ist die dämliche Lauferei!“ Nach der Urkundenübergabe gibt’s für jeden noch ein WUT-Beanie und das VfL-Jubiläums-Glas anläßlich 50 Jahren VfL Waldbreitbach, 20 Jahren Malberglauf und 10 Jahren StaffelMarathon.
 

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Nächster Austragungstermin wird wieder der Samstag zwei Wochen vor Ostern sein (28. März 2020). Die Vorfreude ist jetzt schon vorhanden.
 

Diesen Bericht gibt es mit noch mehr Fotos auch auf Trailrunning.de


Streckenbeschreibung:
65 km überwiegend Naturpfade, viele Singletrails, tolle Aussichtspunkte, rund 2.100 Höhenmeter.

Startgebühr:
35 € inkl. Finishershirt und abendliches Pastaessen im Hotel. Ein evtl. Einnahmenüberschuß geht vollständig als Spende an die Henry Wanyoike Foundation in Kenia.

Auszeichnung:
Urkunde, Finishergabe WUT-Beanie

Logistik:
Kürzeste Wege, Duschmöglichkeit in der Sporthalle Waldbreitbach unmittelbar an Ziel und Parkplatz.
 
Verpflegung:
Viermal mit mindestens Tee, Wasser und Iso (alle warm), Gebäck, Nüssen, Rosinen, Äpfel, Bananen, Riegeln, Brot, Käse, warmen Kartoffeln und ggf. weitere Spontanüberraschungen.
 

Letzte Änderung am Montag, 13. April 2020