|
 |
|
|
 |
 |
|
Im herrlichen, backsteinernen Rathaus sind wir – natürlich bin ich nicht alleine unterwegs, sondern von der besten aller Ehefrauen begleitet - bei den Ersten, die sich ihre Startnummern sichern. Die Gattin wird sich dem Zehner hingeben, ich überraschenderweise dem Marathon, der mich von Lübeck nach Travemünde und wieder zurück führen soll und hoffentlich auch wird. Doch zuerst machen wir die Stadt unsicher und genießen die zahlreichen Baudenkmäler, die gebuchte zweistündige Stadtführung lohnt sich sehr. Eine Besonderheit sind die sog. Gänge. Im Gegensatz zu fast allen anderen Städten hatte Lübeck lange seine Stadtmauer nicht niedergelegt und eine Neustadt außerhalb derselben angelegt, sondern innerstädtisch die Gärten mit kleinen Häusern zu Wohnquartieren der ärmeren Bevölkerung bebaut, die heute hochbegehrten Wohnraum bieten. Den Zugang zu diesen ermöglichte man durch kleine Durchbrüche der bestehenden Häuser. Rund hundert dieser Gänge soll es geben, die teils niedriger als die normale Kopfhöhe sind. Sich Lübeck anzusehen – und das nicht nur wegen Thomas Mann und Günter Grass - lohnt sich!
|
|
 |
|
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
Der Lauftag beginnt mit Bibbern: Ganze 3 Grad zeigt das Thermometer an, deren zehn sind für den Nachmittag prognostiziert. Was anziehen? Sonnig soll es werden, daher entscheide ich mich für die Kombination Lang/Kurz mit kurzer Hose. Damit werde ich trotz anfänglichen Frierens richtig liegen. Auf der breiten Holstenstraße (was mag da wohl kommen?) geht es zunächst, prima zum Warmlaufen, stramm bergab kurz aus der Stadt hinaus direkt zu einem der architektonischen Höhepunkte: Links die ehemaligen Salzspeicher erstrahlt vor uns in voller Schönheit das 1478 fertiggestellte Holstentor. Das letzte von ehemaligen vier Stadttoren an dieser Stelle war in einer Kampfabstimmung innerhalb der Bürgerschaft glücklicherweise knapp dem Abriß entgangen und ist heute das Wahrzeichen des knapp 900 Jahre bis 1937 bestehenden Stadtstaats, das wir im Folgenden umrunden. Ältere erinnern sich an die Rückseite des früheren 50 DM-Scheins.
Von der gegenüberliegenden Seite aus gesehen, präsentiert sich eine Postkartenidylle: Inmitten des Blickfelds die Schauseite des Tores, links dahinter die Türme der Marienkirche, rechts der Turm der Petrikirche, wiederum rechts daneben die historischen Salzspeicher. Zurück in der Altstadt drehen wir eine kleine Runde und passieren dabei über uralte Straßen u.a. den Marzipanspeicher, (fünf Hersteller der ursprünglich als Arznei in Apotheken vertriebenen Leckerei gibt es noch) tolle Kaufmannshäuser, das Heiligen-Geist-Hospital und verlassen Lübeck durch das im Norden gelegene Burgtor von 1444, das mit dem Holstentor die letzten erhaltenen der ursprünglichen vier Stadttore darstellt. Über die dahinterliegende Burgtorbrücke schlagen wir den Weg nach Nordosten in Richtung Travemünde und damit der Ostsee ein. Über den Weg nur grob informiert rechne ich mit einem langweiligen, mehr oder weniger gerade verlaufenden Kurs und werde durchaus angenehm überrascht.
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
|
|
 |
|
 |
|
|
 |
Gerade und weit einsehbar ist in der Tat die breite, in jede Richtung zweispurige und für uns halbseitig gesperrte Travemünder Allee, aber zu entdecken gibt es ständig etwas. Wie immer den Fotoapparat am Mann, bin ich durchgehend auf der Suche nach dem nächsten Motiv, was keine Langweile aufkommen läßt. Eine Preistabelle kündigt mit dem mautpflichtigen, 2005 eröffneten Herrentunnel unter der Trave einen ganz besonderen Höhepunkt oder besser gesagt Tiefpunkt an. Knappe 900 m lang ist das Passieren für uns heute erfreulicherweise kostenlos. Das sechsprozentige Gefälle mit anschließender Steigung sieht dramatischer aus, als es ist. Vielleicht sehe ich das als berggestählter Westerwälder aber auch lockerer als ausgesprochene Flachlandtiroler. Eine Disco gönnt man uns am Scheitelpunkt, Musik wummert und bunte Lichter flackern im Rhythmus. Nett, auch wenn ich mir als Metalhead durchaus andere Töne hätte vorstellen können.
Wieder ans Tageslicht zurückgekehrt, erinnert mich der Laufkamerad im HSV-Trikot und dem aufgedruckten Namen Hrubesch an einen der besten Mittel-Stoßstürmer, die wir je hatten. „Herr Hrubesch, wie haben Sie Ihren Treffer erlebt?“, wurde er gefragt. „Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor!“ Herrlich und unvergessen. Zwischen Wallberg und Rangeberg setzen wir unseren Weg bei kühler, aber sonniger Witterung fort. Trotz meines vorwöchentlichen Einsatzes im Schwarzwald und der vielen gestrigen Geh-km läuft es bei mir sehr fluffig im knappen, für mich über die Marathondistanz zügigen Sechserschnitt. Doch fühlt es sich richtig an, weshalb ich vorerst keinen Grund sehe, einen Gang herauszunehmen.
|
|
 |
|
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
In einer tollen Allee bietet man uns an einem vermutet privaten Stand Blasenpflaster an, von dem ich glücklicherweise keinen Gebrauch machen muß. Über die vielen, vielen Laufjahre hinweg kann ich mich überhaupt nur an zwei oder drei dieser lästigen Gesellen an meinen Füßen erinnern. Ein seltenes Glück, ich weiß! Kücknitz, Dummersdorf, Roter Hahn, immer weiter. Dann biegen wir links auf einen gekiesten, leicht ansteigenden Panoramaweg ab, als es passiert. Nein, nichts Schlimmes, es ist nur der entgegenkommende Führende, Simon Müller, hinter dem länger nichts folgen wird, und der als Lokalmatador den Lauf in 2:31 Std. mit neun Minuten Vorsprung sicher für sich entscheiden wird. Erste bei den Mädels wird Nele Wellbrock mit dem fast gleichen Vorsprung vor der Zweitplazierten in starken 2:49 Std. werden. Das dem folgenden Weg namengebende Panorama zeigt sich bald darauf mit dem Blick auf die Ostsee und dem Maritim-Hotelhochhaus von Anfang der 1970er Jahre, auf das wir als Wegmarke zusteuern.
Bereits auf dem Gebiet des Lübecker Stadtteils und Seebads Travemünde mit seinen knapp 14.000 Einwohnern kommen wir an mehreren durchaus attraktiven, modernen Mehrfamilienhäusern zu sicherlich stolzen Miet- und/oder Kaufpreisen vorbei. Den Fährhafen vor Augen, erlebe ich das Anlegen eines Schiffes, ein Menschenstrom ergießt sich auf die Pier. Unser Läuferstrom ergießt sich entlang der Flaniermeile mit Restaurants, Klamotten- und Andenkenläden weiter in Richtung des unübersehbaren Maritim-Hotels, während uns immer mehr Läufer auf ihrem Rückweg entgegenkommen. Links liegt, durch Bäume gut getarnt, der 31 m hohe alte Leuchtturm von 1539. Der deutschlandweit älteste erhaltene Leuchtturm ist seit 1922 ein technisches Kulturdenkmal. Seine Aufgabe hat, man lese und staune, das mit 119 Metern Höhe (125 Meter Gesamthöhe) höchste Gebäude Schleswig-Holsteins sowie der gesamten deutschen Ostseeküste übernommen, nämlich das bereits vorgestellte Maritim-Hotel. Das neue Leuchtfeuer im 36. Stockwerk des Hochhauses wurde 1974 in Betrieb genommen und gehört mit 115 m Feuerhöhe zu den höchsten Leuchtfeuern Europas. Am Ende der Nordermole, teils entlang des Ostseestrandes, erreichen wir mit dem Molenfeuer Travemünde, einem Art Mini-Leuchtturm, quasi das Ende der Welt, das wir umrunden. Grün-weiß geringelt könnte Werder Bremen Pate gestanden haben.
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
Kurz nach der Umrundung ist Halbzeit, 2:05 Std. sind (erst) vergangen, was für mich durchaus ambitioniert ist. Aber das Gefühl bleibt unverändert gut, und die Aussicht, mal wieder etliche Minuten unter viereinhalb Stunden zu bleiben, verlockend. Also wird die Pace vergleichsweise hoch gehalten. Wunderbar ist der Blick auf die See, das Maritim-Hotel sowie den Hafenbereich vor stahlblauem Himmel. Direkt zurück geht es allerdings nicht gleich, denn zunächst folgt mit der Strandpromenade ein weiterer attraktiver Abschnitt, den wir komplett bis zur Seebrücke ablaufen. Dann aber ist es soweit, denn nach guten 22 km wird gewendet und die Rückreise angetreten. Sofort fällt der Gegenwind auf, der als Rückenwind unbemerkt blieb. Ich muß etwas drücken. Ob das gut gehen wird?
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
Alter Leuchtturm, Partymeile, St. Lorenz-Kirche und Panoramaweg. Es geht retour über die Wegstationen, die wir bereits kennen. Und immer noch kommen hinter mir liegende Läufer entgegen, was doch beruhigend ist, wenn man sich nicht zu unrecht mittlerweile zum alten Eisen zählen muß. Bei herrlichstem Wetter folgt km auf km, bis es im Herrentunnel wieder dunkel wird, unterbrochen nur von dem rhythmischen bunten Blitzen bei wummernder Musik. Einträchtig stapft meine Preisklasse wieder ins Helle hinauf, ich kann erfreulicherweise durchlaufen. Die gute Versorgung mit Getränken, Gels und läufergerechten Snacks sorgt weiterhin für gut verbrennbaren Kaloriennachschub, der seine Wirkung nicht verfehlt. Dann bin ich aber wirklich wieder im Innenstadtbereich, den wir über die Burgtorbrücke und durchs Burgtor, anders herum als zu Beginn des Rennens, betreten. Das 1535 errichtete Versammlungshaus der Schiffergesellschaft mit seinem so typischen Treppengiebel erstrahlt sonnenbeschienen in voller Schönheit. Seine Inneneinrichtung ist original erhalten, in ihm befindet sich heute ein Restaurant. Es geht die Straße zum Rathaus hinauf, weit kann es also nicht mehr sein. Und dann sehe ich auch schon den Zielbogen, den ich auf gelbem Teppich (wie daheim in Bonn) nach 4:12 Std. erreiche.
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
|
Hochzufrieden ist der Herr Bernath, mit einer schönen Medaille dekoriert, und gewinnt zu seiner Überraschung sogar die Altersklasse. Leider war kein Shirt mehr übrig geblieben, denn eine Erinnerung an diesen persönlichen Erfolg hätte ich dann im Nachhinein doch noch gerne gehabt. Die Wiederbelebung im Rathausgeviert fällt in der warmen Sonne leicht und gemeinsam mit meiner gleichermaßen erfolgreichen wie ob ihrer Laufzeit hochzufriedenen 10-km-Läuferin verbringen wir hier noch einige Zeit, bevor die Dusche ruft. Dem Ruf zum Lübeck-Marathon dürft und solltet Ihr im kommenden Jahr gerne folgen, denn die Kombination aus Laufen und Reisen – zu 100% nach unserem Geschmack – war und ist klasse.
|
|
|