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15. Rothaarsteig-Marathon am 20.10.2018


Wer zuerst kommt, mampft am meisten

Nach verschiedenen internationalen und weiter entfernten nationalen Einsätzen ist wieder vergleichsweise Bescheidenheit angesagt. Sauerland, das klingt solide und ist mit 150 km Entfernung von zuhause ruckzuck erreicht. Denkste. Deutlich über zwei Stunden dauert die Anreise über einen großen Autobahnbogen, die Direttissima quer durch die Walachei (Westerwald) ins Rothaargebirge nach Fleckenberg wäre zwar km-mäßig deutlich kürzer gewesen, hätte aber noch länger gedauert. Vor Ort zeige ich mich gut informiert und sichere mir daher zunächst den Kaloriennachschub für nach dem Rennen in Form selbstgebackener Kuchen, denn wer zuerst kommt, mampft am meisten. Schon jetzt ist meine kleine Welt in Ordnung, denn über hundert dieser Prachtexemplare haben einige der mehr als 150 rührigen Helfer angeschleppt.

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Was erwarte ich heute? Einen schönen Lauf durch die Natur und kleine Ortschaften, denn „weite Ausblicke, frische Luft, Naturwege und eine besondere Atmosphäre“ versprechen mir die Organisatoren um Reimund Gawehn aus drei örtlichen Sportvereinen. Diese Laufveranstaltung sei die helle Freude für alle Freunde des Trailrunnings. Entlang des Rothaarsteigs in Nordrhein-Westfalen und Hessen wird man uns auf eine Runde mit 838 Höhenmeter schicken. Wobei der Name Rothaargebirge eigentlich „Rod-Hardt-Gebirge“ heißen müßte, was „das gerodete Wald-Gebirge“ bedeutet, denn mit der Farbe „rot“ und mit „Haaren“ hat es nichts zu tun. Ihr merkt: Nicht nur beim Anton (der hier schon zweimal seine Visitenkarte abgegeben hat), auch bei mir gibt’s was zu lernen.

Etwa alle fünf Kilometer wartet ein Verpflegungspunkt mit Wasser, Tee, Cola sowie Bananen, Äpfeln und Müsliriegeln auf uns und auch dank der angekündigten herzlichen, motivierenden Worte, welche die Helferinnen und Helfer uns mit auf den Weg geben sollen, sollte also nichts schiefgehen können. Ein buntes Rahmenprogramm für Teilnehmer und Zuschauer gibt es zudem rund um Start und Ziel an der Schützenhalle in Fleckenberg. Und die ist beileibe nicht das einzige Glanzlicht: Der heutige Schmallenberger Ortsteil mit seinen knapp 1.600 Einwohnern gewann 1977 den Bundeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ und war zum Bundesgolddorf gekürt worden. Ein kleiner Rundgang zeigt auch heute noch, warum das so ist: Eine Fachwerkorgie sondergleichen erfreut das Auge.

 

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Mareike macht heute einen auf Understatement und möchte „nur“ zwei Freundinnen sicher unter fünf Stunden nach Hause bringen, was ihr in einer Punktlandung auch gelingen wird. Eben noch lausche ich dem Interview mit einem der Inhaber des Hauptsponsors, Franz-Otto Falke, über uns schwirrt eine Drohne (die hoffentlich nicht abschmiert), da geht es auch schon los. Auf 350 m Höhe gestartet geht es nach einer Einlaufphase, entlang der Lenne und vorbei an einigen netten, aus Holzstämmen gesägten Skulpturen, nach guten drei km bergauf über den Zubringer zum Rothaarsteig durch die Lenner Felder zur Böhre, einem Wohnplatz. Die Kühe wundern sich über den ungewohnten Ansturm und wir uns über das Wetter, denn die Sonne hat es tatsächlich geschafft, die störenden Wolken zu durchbrechen und schließlich aufzulösen.

Der erste VP beglückt uns mit allem Notwendigen und darüber hinaus, als es weiter bergauf über Siebentanne und dem 666 (The number oft he beast für die Jünger des gepflegten Schwermetalls) m hohen Heidkopf geht. Wunderbar ist die Aussicht ins sonnenbeschienene Tal, es ist mal wieder ein Segen, in der Natur unterwegs sein zu dürfen.
 

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Beim Schmallenberger Ortsteil Jagdhaus (stolze 63 Einwohner, in dessen Umgebung sich das Artenschutzprojekt Wisent-Wildnis befindet) erreichen wir den Rothaarsteig. Dieser namengebende, 2001 eröffnete, 156 km lange Premiumwanderweg verläuft insbesondere auf dem Hauptgebirgskamm des Rothaargebirges, wie erwähnt in NRW und Hessen. „Pain you enjoy“ trägt einer meiner Mitstreiter auf dem Rücken. Bis jetzt jedenfalls steht das Genießen klar im Vordergrund, die Schmerzen werden hoffentlich noch lange auf sich warten lassen. Mit Matthias komme ich über die jeweiligen Vor- und Nachteile des Kreuzfahrens mit AIDA bzw. TUI ins Diskutieren. Erstaunlich, wie schnell doch die Zeit bei angenehmen Gesprächen verfliegt. Ende nächsten Monats wird er die Unterschiede kennen.

Ein erster, sehr schöner, aber leider zu kurzer Wiesentrail läßt mein Herz höherschlagen, genau so stelle ich mir das vor. An einem Rahmen aus dickem Gebälk, durch das die herrliche Natur glänzt, lasse ich mich aufklären, daß das wohl das Sauerländer Fenster ist. Nach 14 km ist Trudes Sonnenbank erreicht. Die Bank erkenne ich wohl, trotz intensiven Umschauens nicht jedoch die erhoffte, sich lasziv darauf räkelnde Dame. Also nichts wie weiter, wenn’s schon nicht zu Spannen gibt. Über den Grenzweg geht es wieder nach Jagdhaus und nach Überquerung einer Straße kommen wir zurück auf den Rothaarsteig.

An der Millionenbank angekommen muß ich mich belehren lassen, daß es hier keine größeren Geldbeträge abzuheben gibt und stecke die Geldkarte daher wieder ein. Allerdings gibt es etwas ganz anderes zu vermelden: 2013 wurden in den Wäldern um die Millionenbank eine Gruppe von Wisenten, bestehend aus einem Bullen, fünf Kühen und zwei Jungtieren ausgewildert, womit es nach Jahrhunderten wieder frei lebende Wisente in Deutschland gibt. Sie durchstreifen diesen Teil des Rothaargebirges auf eigene Faust – da sie früher Kontakt mit Menschen hatten, ist die Herde nicht ganz so scheu wie ursprünglich erwartet. Heidewitzka, Herr Kapitän, das fehlte jetzt noch! Nach inzwischen 18 gelaufenen km wären die Viecher vermutlich deutlich schneller als der Schreiberling. Stark belebend wirkt sich seit km 16 das Hinzukommen der eine Stunde nach uns gestarteten Halbmarathoner für sechs km aus, auch wenn das häufige Überholtwerden etwas gewöhnungsbedürftig ist.
 

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Mehrere an Bäume getackerte Hinweisschilder verkünden uns, daß der Wald heute wegen einer Jagd gesperrt ist. Nichtsdestoweniger schreiten wir tapfer weiter aus und hoffen, von blauen Bohnen und flüchtenden Schweinen verschont zu bleiben. Sehr gut und wichtig ist das Hinweisschild an die (Nordic) Walker, fair zu bleiben und eben nicht in den Laufschritt zu verfallen, was ich trotzdem an mehreren Stellen ansatzweise beobachten kann. Das Laufen auf gutem Weg durch sonnengefluteten, lichten Wald ist das pure Vergnügen und zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht besonders anstrengend. So manchem VP würde man eine oder mehrere große Behältnisse zur Entsorgung der Trinkbecher wünschen, denn das Plastik verteilt sich über bestimmt zweihundert Meter auf dem Weg bzw. an dessen Rand. Weiterhin bergauf führt die Strecke zum Großen Kopf (742 m), die Halblinge suchen wieder das Weite, km 22 ist erreicht.
 

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Ein toller Trail führt steil bergab, leider bin ich aber zu schissig, um da hinunterzustürmen, so ist es mehr ein Eiern. Ein besonderes Schmankerl ist nach 25 km eine knapp 40 Meter lange Hängebrücke, die über einen kleinen, namenlosen Taleinschnitt unterhalb des Saukopfes führt. Leider, leider ist sie nicht in den Lauf integriert. Liebe Organisatoren, das wäre doch etwas! Für mich zumindest. So stolpere ich nur vorbei. Wenig später sehe ich einen Bohlenweg in den Wald führen, für den bedauerlicherweise das gleiche gilt. Dann ist ein Waldskulpturenweg angezeigt. Die einzigen Skulpturen, die ich erkennen kann, haben zwei Beine, sind mehr oder weniger mobil und riechen schlecht. Oder ist der Ameisenhaufen gemeint?
 

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Den im wahrsten Sinne des Wortes Höhepunkt des heutigen Tages mit 758 m erreichen wir über den Kamm Talvariante (km 27,5). Hinter dem Örtchen Schanze mit hübscher Kapelle (ehemalige Befestigung, 43 Einwohner, km 30) gibt’s eine Skihütte. Und einen Schlepplift. An der gut besuchten Verpflegungsstelle frage ich laut, wo denn der Schlepplift für die Läufer sei. Alles lacht natürlich, und einer kontert hervorragend, indem er in Laufrichtung zeigt und meint, der Sessellift käme in zwölf km. Es folgt, nicht wirklich überraschend, der gut zwei km lange zehnprozentige Abstieg. Für mich ist das der fieseste Abschnitt, weil es zu steil zum lockeren Bergablaufen ist und mächtig in die Oberschenkel fährt. Zehn km sind es dann noch, die, nachdem bisher alle fünf angezeigt waren, einzeln rückwärts gezählt werden.

Bergab geht es über den Wanderweg L1 zum Ort Latrop (km 35, 167 Einwohner), der im 16. und 17. Jahrhunderte aufgrund kriegerischer Umstände über hundert Jahre lang Wüstung war und erst danach wieder besiedelt wurde. Überall genießen die Leute die letzten schönen Tage dieses sensationell guten Jahres, zumindest was Wärme und Sonnenscheindauer betrifft. Am Latrop-Bach entlang geht es über einen schmalen Weg dem Ziel Sportplatz in Fleckenberg entgegen. Zumindest die meisten Nordic Walker, die jetzt in größerer Zahl überholt werden, denken mit und halten ihre Mordinstrumente im Zaum. Warum junge, offenkundig gesunde Frauen walken und nicht laufen, bleibt allerdings deren Geheimnis. Obwohl sie sehr nett sind. „Achtung, Christiane!“ ruft die hintere. „Danke, Christiane!“ sagt der überholende ältere Herr. Und Christiane freut sich, daß ich ihren Namen kenne.

Am Sägewerk sind’s noch zwei km, ich schaue auf die Uhr, rechne hoch und registriere, daß es sich mit den viereinhalb Stunden noch ausgehen könnte. Daher nehme ich die Beine in die Hand und setze zu einem Schlußspurt an, der sich lohnt, denn – wieder wie beim Start an der Percussionband vorbei – laufe ich nach knapp 4:29 Std. ins Ziel ein. Die Uhr zeigt einen km weniger, dafür 170 Höhenmeter mehr an – ausgleichende Gerechtigkeit. Und weil ich gerade gut drauf bin, entschuldige ich mich noch bei Maria vom Lauftreff Laufmasche Schmallenberg, denn Damen auf den letzten Metern zu versägen ist sonst nicht meine Masche. Sie ist großzügig und schwebt auf Wolke Sieben, denn bei der zehnten Teilnahme hat sie erstmals die 4:30er Marke gerissen. Glückwunsch!
 

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Dann noch schnell mit Andreas gefachsimpelt, der erst kürzlich als Einzelläufer wieder unseren StaffelMarathon in Waldbreitbach gerissen hat und sich schon auf dem Wiedtal-UltraTrail freut. Die Anmeldung für den Gruppenlauf über 65 km und 2.100 HM am 6. April 2019 (www.mut-zum-wut.de) startet am 1. November und da der Lauf jedes Jahr früher ausgebucht ist (80 Teilnehmer), empfiehlt sich eine zügige Anmeldung. Ganz besonders freue ich mich noch über das unverhoffte Wiedersehen mit Norbert vom Lauftreff der LG Wiedenbrück, die uns mit ihrem massierten Auftreten (fast 25 Teilnehmer) beim ersten StaffelMarathon begeistert hatten. Leider habe ich Anschlußprogramm und setze mich nach einer schnellen (warmen!) Dusche und dem Verdrücken ganz bestimmt stark kalorienreduzierten Kuchens (Apfel-Schmand und Käsesahne, die Theke war komplett geräubert) leider viel zu früh nach Hause ab.

Ganz herzlichen Dank an den im besten Wortsinn nicht professionellen Organisatoren. Daß die Veranstaltung mit viel Herz geplant und durchgeführt wird, merkt man vom Anfang bis Ende an jeder Ecke. Besonders nett in Erinnerung werden mir mehrere Streckenposten bleiben, die von jungen Mädels besetzt waren. Ganz offensichtlich waren sie instruiert, die Welle für die Läufer zu machen, und das haben sie klasse und mit Enthusiasmus getan. Hier kann man sich nicht anders als wohlfühlen.

Diesen Bericht gibt es mit noch mehr Fotos auch auf Marathon4you.de!

Streckenbeschreibung:
Einrundenkurs mit 838 Höhenmetern, jeder fünfte km ist bis 35 ausgeschildert, die letzten elf einzeln rückwärts.

Startgebühr:
Je nach Anmeldezeitpunkt 32 bis 40 €. 

Weitere Veranstaltungen:
Halbmarathon über 22,6 km (Laufen und Nordic] Walking).

Leistungen/Auszeichnung:
Gute Strecken- und Zielverpflegung, gutes Langarm-Funktionsshirt von Falke (leider keinen Veranstaltungsbezug)

Logistik:
Sehr viel Platz in zahlreichen Gebäuden, optimal, nichts zu meckern.

Verpflegung:
Ab km 5 Wasser, Tee, Cola sowie Bananen, Äpfel und Müsliriegel.

Zuschauer:
Naturgemäß wenige bei einem überwiegenden Waldkurs.
 

Letzte Änderung am Montag, 29. Oktober 2018