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28. Lahntallauf am 29.02.2020


Zufriedene Mienen danken es ihnen

Manche Dinge kommen so überraschend wie das Zusammentreffen des 24. Dezembers mit Heiligabend. So steht auch der WUT, mein Wiedtal-UltraTrail, mit 65 km und 2.100 Höhenmetern Ende März wieder vor der Tür. Wenn man dann Anfang Februar feststellt, daß der letzte ganz lange Lauf über zwei Monate zurückliegt, ist das geeignet, leichte Panik aufkommen zu lassen.

Selbst wenn man beruflich unter Volldampf steht, setzt sich plötzlich die Erkenntnis durch, daß trainingstechnisch etwas passieren muß. Ausreden gelten nicht mehr. Schließlich will ich den WUT, auch wenn es sich „nur“ um einen Gruppenlauf handelt, durchstehen, und das in Würde. Also führte an den drei letzten Wochenenden kein Weg an der Notwendigkeit vorbei, die von mir nicht gerade hochgeliebten 30 km-Läufe zu absolvieren. Glücklicherweise war ich nie alleine unterwegs, aber Zählbares springt bei solchen Aktionen naturgemäß nicht heraus.

Mein sonst üblicher Januar-Marathon war zweieinhalb Wochen Urlaub in der Karibik zum Opfer gefallen – ein hartes Schicksal, ich weiß. Was tun? Ein Blick in den M4Y-Terminkalender ist in solch dramatischen Situationen nie verkehrt, es drängt sich aber nicht alles für einen möglichst aufwandarmen Trainingsmarathon auf. Merkers: Ausgebucht. Bad Füssing: Zu weit. Bertlich: Gerade erst gemacht. Kiel: Wäre gut, weil für mich neu, aber viel zu weit. Bad Salzuflen: Würde passen, aber mal ein Wochenende, ohne sich im Wald total einzusauen, wäre auch nicht schlecht. Marburg: Flache Zehnerrunde, Asphalt, vertrautes Terrain, für meditatives Laufen prädestiniert. Gekauft.

Strecke_Marburg_Lahntal_300


Mein sonst üblicher Januar-Marathon war zweieinhalb Wochen Urlaub in der Karibik zum Opfer gefallen – ein hartes Schicksal, ich weiß. Was tun? Ein Blick in den M4Y-Terminkalender ist in solch dramatischen Situationen nie verkehrt, es drängt sich aber nicht alles für einen möglichst aufwandarmen Trainingsmarathon auf. Merkers: Ausgebucht. Bad Füssing: Zu weit. Bertlich: Gerade erst gemacht. Kiel: Wäre gut, weil für mich neu, aber viel zu weit. Bad Salzuflen: Würde passen, aber mal ein Wochenende, ohne sich im Wald total einzusauen, wäre auch nicht schlecht. Marburg: Flache Zehnerrunde, Asphalt, vertrautes Terrain, für meditatives Laufen prädestiniert. Gekauft.

Nach knapp 150 km Anfahrt trudele ich gegen 9 Uhr mit meinem Lauftreffler Jürgen, den ich zum Mitkommen überzeugen konnte, und der Lauffreundin Andrea ein. In Anbetracht meiner Ambitionen hinsichtlich des WUT kann und werde ich es heute guten Gewissens ruhig angehen lassen. Wichtig ist mir die lange Trainingseinheit als solche. Und die soll auch entspannt beginnen. Bei meinem letzten und bisher einzigen Februarauftritt in Marburg mußten wir nach dem Abschied von der Steinmühle noch mit einem Provisorium Vorlieb nehmen. Das hat sich völlig, und zwar zum Positiven, verändert: Mit den Örtlichkeiten des Georg-Gaßmann-Stadions (von 1951 bis 1970 Oberbürgermeister der Stadt Marburg und Abgeordneter des Hessischen Landtags) stellt die Stadt kostenlos die perfekte Räumlichkeit zur Verfügung. Die bietet alles, was man sich für solch ein Ereignis nur wünschen kann, perfekt. So viel Platz wird Udo Lohrengel mit seinem Stand vermutlich selten gehabt haben.

Die Zahl der Nachmelder erscheint mir heute hoch zu sein, was in Anbetracht der ausnahmsweise freundlichen Witterung – sonnige 7° am Beginn - auch kein Wunder ist. Jürgen stellt mir eine Detailfrage zum Lauf und noch bevor ich zu Ende gedacht habe, steht schon ein Offizieller neben ihm und gibt kenntnisreich die erwünschte Antwort. Da fühlt man sich doch gleich zuhause. Da die äußeren Bedingungen freundlich sind, begeben wir uns auch bald zum einen guten halben km entfernten Start-/Zielgelände in den Lahnwiesen. Dort unterhalten uns bereits die gut gelaunten Moderatoren Markus Bourcarde und Sven Schnitker vom Team Naunheim aus dem nahegelegenen Wetzlar. Letztere ist Partnerstadt vom Schladming, und sofort kommen zarte Erinnerungen an den sensationellen Wilde Wasser Lauf hoch, über den ich im September 2015 auf trailrunning.de berichtet habe.
 

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Alle Läufe (10 km, HM, 30 km, M und 50 km) werden zeitgleich gestartet, womit sich auf dem schmalen Radweg ein für diese Jahreszeit beeindruckendes Feld versammelt hat. Über alle Disziplinen werden am Ende 868 Erfolgreiche verzeichnet sein, am Start stehen ganz bestimmt noch mehr. Schade, in den Ergebnislisten finde ich später so manche, die ich gerne persönlich begrüßt hätte, wie z.B. die M4Y-Urgesteine Angelika und Äberhard. Der Schirmherr und OB, Dr. Thomas Spieß, schießt uns los. Ich reihe mich unauffällig ein und schwimme erst einmal mit, der Haufen wird sich wohl schon bald auseinanderziehen und genauso ist es auch. In der langgezogenen Linkskurve ist der bunte Läuferlindwurm wie immer wunderschön anzuschauen und hier zeigt einer der wenigen Vorteile des mit Langsamkeit verbundenen gehobenen Alters: Man sieht vor sich deutlich mehr Läufer als früher.
 

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Bald schon verläuft der Radweg entlang einer Straße. War dies das 2010er Startgelände? Es kommt mir ziemlich bekannt vor. Das Besondere des Laufs vor zehn Jahren war nicht nur der Verlust der Steinmühle als Zentrum des Laufs gewesen, sondern die Hochwasserkatastrophe, die fast zum Ausfall des Laufs geführt hätte. Mit Mühe hatte man noch eine 2,5 km-Pendelstrecke hinbekommen (und sogar DLV-vermessen können). Dann biegen wir rechts unter ein Viadukt ein. Klar, genau, hierunter stand der Verpflegungsstand, der heute hinter der Unterführung in der Sonne steht. Der Wind war 2010 so stark geworden, daß er sämtliche eisernen Warnbaken umgeworfen und mir den letzten Zahn gezogen hatte. So war ich Weichei entnervt von den geplanten 50 km auf die Marathondistanz ausgewichen. Aber auch heute ist der Wind nicht ohne. Insbesondere auf den ersten zweieinhalb km, aber auch im späteren Verlauf, bläst er unangenehm von vorne.
 

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Diese erste Verpflegungsmöglichkeit – eine von dreien auf der Zehnerrunde – lasse ich nach kaum einem km natürlich noch aus. Weiter geht es gegen den Wind, dem man auf dem Feld natürlich ungeschützt ausgesetzt ist. Eigentlich sehe ich mir bei einem mehrründigen Lauf erst einmal die Begebenheiten an, bevor ich mit dem Knipsen beginne, heute habe ich aber direkt losgelegt. Erstens ist der Weg dank fünfer Wettbewerbe noch rappelvoll und damit fotogen, zweitens scheint die Sonne und drittens macht's ja Spaß. Na klar, der Planetenlehrpfad! Der hatte mir damals schon imponiert, allerdings war er durch Vandalismus stark zerstört gewesen. Ihn hat man toll wiederhergerichtet, gerne wäre ich an den Stationen zwecks Weiterbildung stehengeblieben. So ist halt Weiterlaufen angesagt.
 

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Nach einem Viertel der Runde führt man uns unter zwei weiteren Unterführungen hindurch, der sich ein kleiner Rundkurs anschließt, bevor wir durch sie wieder auf die Hauptstrecke zurückkehren. Links herum geht es an einer Baustelle vorbei, die wir über einen offensichtlich aufgeschütteten, weichen Belag passieren. Noch gestern, höre ich einem Offiziellen, war hier ein völlig zerstörter Wirtschaftsweg mit tiefen, wassergefüllten Senken gewesen. Die zwangsweise Wiederherstellung durch die Baufirma hat uns erfreulicherweise an diesem Ort einen Duathlon erspart. Im unmittelbaren Anschluß lockt der zweite VP, den ich aber auch noch auslasse. Im folgenden Gewerbegebiet strahlt mich das Energiebündel – zumindest steht es so auf ihrem Shirt – Lena mit ihrem gutgeschützten Nachwuchs im Babyjogger an. Der bald zweifache Opa liebäugelt stark mit solch einem Teil. Ohne Lena, keine Panik.
 

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Auf weiter tadellos zu belaufendem Weg kommen wir um die hessische Landesfeuerwehrschule herum und nähern uns langsam wieder den beiden Unterführungen. Knapp am Ufer sehen wir die aus ihrem Bett getretene Lahn. Ich kann mir unschwer vorstellen, wie es hier von zehn Jahren ausgesehen hat und warum diese Schleife unpassierbar gewesen sein muß. Hinter den Unterführungen biegen wir links ab und haben die einzige sichtbare, eigentlich aber kaum erwähnenswerte Steigung auf eine Lahnbrücke vor Augen. Die Eisenbahnlinie an anderer Stelle unterquerend bin ich direkt wieder auf bekanntem Terrain: Gisselberg, das erinnert mich stark an den Nachtmarathon, den ich im Juli auch schon zweimal absolviert habe. Um 19 Uhr aus der zentralen historischen Innenstadt gestartet ist auch dieser Lauf durchaus etwas Ungewöhnliches, nicht nur aufgrund seines Austragungstages (freitags). In die Straße  Kreuzberg abgebogen meine ich auch eine Verpflegungsstelle wiederzuerkennen. Hier gibt es das volle Programm, auch Cola wird schon angeboten. Ich halte mich, wie meistens, an Tee und Iso.
 

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Genau, an km 7 steht die Kunstschmiede, hier bin ich im letzten Büchsenlicht beim Nachtmarathon durchgekommen. Hmmm, vielleicht sollte ich doch noch mal? Das war beide Male sehr nett gewesen, ich erinnere mich gerne an den ausgiebigen Plausch mit Herrn Kerkenbusch und seinem weiblichen Fanblock. Parallel der K42 ist plötzlich großes Tatütata angesagt. Zwei Krankenwagen blockieren die Straße, die Besatzungen bemühen sich um eine Läuferin, die in vorbildlicher stabiler Seitenlage versorgt wird. Gute Besserung! Links die Straße, rechts die Lahn kommen wir mit Wind und Sonne im Rücken bestens voran, es ist mal wieder eine Lust zu laufen. Km 8 und 9 gehen vorbei und bald schon hört man Markus und Sven moderieren und kann den Start-/Zielbereich durch die noch unbelaubten Bäume auf der gegenüberliegenden Lahnseite schemenhaft erkennen. Jetzt müssen wir nur noch die alte Lahnbrücke überqueren; von ihr herunter hat man den ultimativen Überblick aufs Geschehen. Herunter auf die Lahnwiese ist die erste von vier Runden nach 1:04 Std. absolviert.
 

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Ups, 1:04? Mal vier macht 4:16 plus 2,2 km, das wird eng mit den 4:30, die ich mir maximal Zeit lassen wollte. Sooo entspannt sollte es jetzt auch nicht sein. Aber so ganz entspannt war ich gar nicht unterwegs gewesen. Wie eigentlich bin ich vor einem Jahr in Dubai noch 3:57 Std. gelaufen? Rätsel über Rätsel. Jetzt muß ich auch jeden VP mitnehmen, an denen ich in Ruhe trinken will. Und was reinkommt, will irgendwann auch wieder heraus. Kostet alles Zeit. Wie dem auch sei, da kommt als zusätzlicher Motivator der Führende des Fünfzigers, Benedikt Hoffmann, in einem Affenzahn vorbeigerauscht. 2:58 Std. - Zweiachtundfünfzig!!! - wird seine Siegerzeit lauten. Hammer. Mit dieser Zeit wäre er über die Marathondistanz Vierter geworden! Das ist nur eine Minute über der 50 km-Weltrekordzeit Flo Neuschwandners auf dem Laufband von vor wenigen Tagen. Meine Herren Gesangsverein. Naja, der Opa stolpert weiter vor sich hin.

Jürgen hat mittlerweile seinen Halbmarathon geschafft und strahlt mich zufrieden an. Ich habe meine zweite 1:04 hingelegt und bin wenigstens gleichmäßig unterwegs. Auf der dritten Runde muß ich mich mal wieder aufregen und über die Zeitgenossen wundern, die es nichts schaffen, ihre gebrauchten Becher und Geltütchen in einen der bereitstehenden Mülleimer zu werfen, sondern diese in der Botanik entsorgen. Dann bleibt man halt, wenn man nicht so schnell trinken kann oder will, kurz stehen, oder liege ich da falsch? Die dritte Runde ist in 1:03 geringfügig flotter, aber nicht so entspannt, wie ich mir das vorher ausgemalt habe. Auf der vierten Runde laufe ich auf die gehende Andrea auf, die eine Zielzeit in Vorbereitung auf ihren 24 h-Lauf in drei Wochen von fünf Stunden geplant hat. Ist die etwa noch in der dritten Runde? Das kann je eine lange Warterei werden! Aber nein, ganz im Gegenteil, sie ist die erste zusammen mit Jürgen in 56 Minuten gelaufen und war die ganze Zeit vor mir gewesen.
 

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Einen Riesenspaß gibt’s noch am letzten VP. Nicht aufgrund des Bieres, das ich mir dort gönne, sondern wegen der Helfershirts. Die Jungs und Mädels haben dort nämlich ihr jeweiliges Angebot (Wasser, Tee, Iso) aufgedruckt stehen. Leider ist Tee gerade ausgetreten und fehlt auf dem Foto. Und kommt Sekunden später lautstark hinter mir hergehetzt und aufs Extrafoto. Noch länger höre ich die VP-Besatzung wiehern. Meine Geschwindigkeit kann ich problemlos halten und wechsele am Ende der letzten Runde auf die Zusatz-Begegnungsstrecke von zweimal 1,1 km, die uns zur Marathondistanz fehlen. Applaus begleitet mich ins Ziel, wo man mich mit einer netten Medaille behängt. Markus' und Svens Begrüßung fällt sehr nett aus und publikumswirksam entlocken sie mir das eine oder andere Statement. So freundliche und engagierte Moderatoren wünscht man sich überall, die Marburger sind um sie zu beneiden.
 

Ziel

Erstaunlicherweise gibt es nach der heißen Dusche auch noch das fast volle Verpflegungsprogramm in der Halle, sogar dreierlei Suppe: Hackfleich, Käse-Lauch und Karotte-Ingwer. Ich mache heute mal einen auf vegan, sehr lecker. Es war wieder schön zu sehen, was ein engagierter und selbstloser Veranstalter (Ultra Sport Club Marburg) für wenig Geld mit einer Truppe ebensolcher Helfer auf die Beine stellen kann. Gut, daß auch die Stadt voll dahintersteht, so soll und muß es laufen. Zufriedene Mienen danken es ihnen.

Diesen Bericht gibt es auch mit noch mehr Fotos auf marathon4you.de!

Streckenbeschreibung:
Flacher, verkehrsfreier, aber windanfälliger 10 km-Kurs entlang der Lahnwiesen mit einer 1,1 km-Begegnungsstrecke zur Marathondistanz.

Startgebühr:
22 € für den Marathon.

Weitere Veranstaltungen:
50 km, 30 km, Halbmarathon, 10 km.

Leistungen/Auszeichnung:
Medaille, Urkunde.

Logistik:
Verkraftbarer 600 m Fußweg zwischen Startbüro/Umkleiden/Duschen und dem Start-/Zielbereich.

Verpflegung:
3 Verpflegungsstationen auf der 10 km-Runde.

Zuschauer:
Weil außerhalb der Stadt gelegen, sehr überschaubar.
 

Letzte Änderung am Freitag, 20. März 2020